Was ist Familienbegleitung?
Familienbegleitung ist ein vorübergehendes, ambulantes Unterstützungsangebot für Familien, die in einer akuten Notlage stecken. Anders als klassische Hilfen zur Erziehung geht es hier weniger um Erziehungsberatung, sondern um konkrete Hilfe im Alltag. Dazu zählen Unterstützung bei der Alltagsorganisation, Haushaltsführung, Kinderbetreuung sowie pädagogische und psychosoziale Begleitung. "Die Familienbegleitung orientiert, stabilisiert und guckt, welche Probleme schnell in den Griff zu bekommen sind", sagt Elke Kotthoff, Leiterin des Fachbereichs "Kinder, Jugend und Familie" beim Caritasverband Kleve e.V. und ergänzt: "Die Caritas ist allgemein bekannt als Anlaufstelle für Rat- und Hilfesuchende. Mit dem neuen Projekt sind wir in der Lage, Familien in Not ganz schnell und unbürokratisch zu helfen. Und zwar dort, wo die Hilfe konkret benötigt wird: im familiären Umfeld."
Rechtliche Grundlage ist § 20 SGB VIII. Dieser sieht vor, dass Familien unterstützt werden können, wenn Eltern aus gesundheitlichen oder anderen schwerwiegenden Gründen vorübergehend nicht in der Lage sind, den Alltag mit ihren Kindern alleine zu bewältigen.
Elke Kotthoff vom Caritasverband Kleve und Markus Koch von der Stadt Kleve stellen das Pilotprojekt für Familien in Not vor. Am 1. April 2026 geht es an den Start.Julia Lörcks
Wie ist die Idee zum Pilotprojekt entstanden?
Die Idee zur Familienbegleitung entstand im Herbst 2025 bei einem gemeinsamen Austausch zwischen dem Jugendamt der Stadt Kleve, der Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien sowie den Ambulanten Erzieherischen Hilfen. "Es gibt es einen großen Leidensdruck - einen enormen Bedarf an Hilfen und gleichzeitig wenig Personal", so beschreibt Markus Koch, Leiter des Jugendamtes Kleve, die Situation in der Jugendhilfe. Gleichzeitig verbinde Stadt und Caritas die große Leidenschaft, neue Wege auszuprobieren und Angebote im Sinne der Kinder und Familien weiterzuentwickeln.
Für welche Familien ist das Angebot gedacht?
Das Angebot richtet sich an Familien, die sich akut in belastenden Lebenssituationen befinden. Etwa durch Krankheit, psychische Belastung, Trennung, Suchterkrankung oder plötzliche soziale Krisen. Auch der Tod eines Elternteils oder andere akute Krisen zählen dazu. "Immer dann, wenn es im Alltag brennt, wollen wir schnell reagieren", erklärt Markus Koch.
Was ist das Ziel der Familienbegleitung?
Das Hauptziel ist die frühzeitige Entlastung von Familien und die Stärkung ihrer Ressourcen, bevor größere Probleme entstehen. Durch die schnelle und befristete Unterstützung sollen Kinderschutzrisiken vermindert und die Notwendigkeit intensiverer Hilfen - wie zum Beispiel Inobhutnahmen - möglichst vermieden werden.
"Wir wollen, dass Kinder in ihrem familiären Umfeld bleiben und Eltern ihre Aufgaben nach Ende der Krisensituation wieder übernehmen können", sagt Markus Koch. Elke Kotthoff ergänzt: "Und falls die Familienbegleitung nicht ausreichen sollte, können wir natürlich auch in andere Maßnahmen überleiten."
Wie kann man Familienbegleitung in Anspruch nehmen?
Das Angebot ist für die Familien kostenlos und Zugang bewusst niedrigschwellig gestaltet: Sie benötigen keinen formellen Antrag. Im Gegenteil: Die Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien bewertet in ihrer alltäglichen Arbeit, ob ein Fall den Kriterien der Familienbegleitung entspricht und leitet die Familien innerhalb des Verbandes dann an die entsprechenden Familienbegleiterinnen weiter. "Wir können innerhalb weniger Stunden reagieren, das ist das Besondere an diesem Projekt", sagt Kotthoff. "Und im besten Fall hat sich das Angebot irgendwann so herumgesprochen, dass die einzelnen Puzzleteile nur noch ineinandergreifen."
Wie unterscheidet sich Familienbegleitung von anderen Hilfen?
Im Unterschied zur sozialpädagogischen Familienhilfe oder anderen Hilfen zur Erziehung ist die Familienbegleitung zeitlich begrenzt. Das heißt: Die Hilfe greift nur bei akuten Krisen, meist über wenige Wochen. Familienbegleiter:innen arbeiten zudem stark alltagsorientiert. Sie haben primär keinen erzieherischen Auftrag, sondern unterstützen ganz praktisch im Familienalltag. Gleichzeitig ist die Hilfe schnell verfügbar und verfolgt einen präventiven Ansatz, um größere Krisen zu vermeiden. "Gerade mit Blick auf die Herausforderungen in der Jugendhilfe begreifen wir die Familienbegleitung als ein neues Instrument, um handlungsfähig zu bleiben. Es geht nicht um langfristige Betreuung, sondern um schnelle Hilfe im Alltag", erklärt Markus Koch.
Info - Pilotprojekt für 18 Monate
Das Pilotprojekt "Familienbegleitung" - Umsetzung des § 20 SGB VIII läuft zunächst für 18 Monate. Für 2026 sind 54.300 Euro im städtischen Haushalt eingeplant. Zum Jahresende ist eine erste Auswertung vorgesehen. Markus Koch, Fachbereichsleiter Jugend & Familie bei der Stadt Kleve, betont den präventiven Aspekt des Angebots: "Die Kosten für Hilfen zur Erziehung haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Familien frühzeitig zu unterstützen, ist nicht nur sinnstiftend, sondern hilft auch finanziell."
Der Kontakt zur Familienbegleitung läuft über die Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien, Telefon 02821 7209-300 oder E-Mail eb-info@caritas-kleve.de. Die Leitung der Beratungsstelle hat Holger Brauer inne. Für Familien ist das Angebot kostenlos und ohne Antrag zugänglich.
Julia Lörcks von der Stabsstelle Kommunikation & Medien des Caritasverbandes Kleve fasste die Fragen und Antworten zusammen.