Der Bereich "Integrationshilfe" heißt seit dem 1. Januar 2026 "Schulbegleitung" - warum war dieser Schritt notwendig?
Antje Reder Durch die Umbenennung möchten wir unsere Leistung - die Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Schulalltag - noch klarer und verständlicher machen. Denn der Begriff "Integrationshilfe" wurde häufig missverstanden und mit Migration in Verbindung gebracht. Auch das Schulministerium und unsere Kooperationspartner verwenden diesen Begriff. Inhaltlich und organisatorisch bleibt also alles unverändert, es ändert sich lediglich der Name.
Sie koordinieren bei der Caritas Kleve die Schulbegleitung: Melanie Roeloffs Monteiro (v.l.n.r.), Antje Reder und Rita Wiese. Julia Lörcks
Schulbegleitung - was bedeutet das überhaupt?
Antje Reder Schulbegleitung bedeutet, dass Kinder und Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf individuell im Schulalltag begleitet werden. Ziel ist es, ihnen Teilnahme am Unterricht und am Schulleben zu ermöglichen. Eine Schulbegleitung übernimmt keine Unterrichtsaufgaben, sondern unterstützt dort, wo ein Kind ohne Hilfe nicht mitmachen könnte, beispielsweise bei der Strukturierung, Orientierung, Konzentration oder im sozialen Miteinander.
Wer hat Anspruch auf Schulbegleitung und wie wird sie beantragt?
Antje Reder Schulbegleitung ist eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe nach § 35a SGB VIII. Anspruch haben Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf. Der Antrag wird von den Eltern beim Jugendamt und nicht in der Schule gestellt. Das Jugendamt prüft dann, ob und in welchem Umfang die Unterstützung nötig ist. Dafür werden zum Beispiel Gutachten, Diagnosen oder Stellungnahmen der Schule herangezogen. Über Art, Dauer und Umfang der Schulbegleitung entscheidet der Kostenträger. Diese werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst.
Schulbegleitung ist ein kontinuierlich wachsender Dienst. Welche Gründe gibt es dafür?
Antje Reder Der Bedarf steigt, weil Inklusion stärker umgesetzt wird. Kinder, die früher Förderschulen besuchten, besuchen heute Regelschulen. Außerdem gibt es mehr Diagnosen wie ADHS oder Autismus. Das liegt nicht daran, dass es "mehr" solcher Kinder gibt, sondern daran, dass die Diagnostik früher erfolgt, Eltern sensibler sind und Schulen Belastungen deutlicher melden. Weitere Gründe: Große Klassen, Fachkräftemangel und zu wenige Sonderpädagog:innen verschärfen die Situation in den Schulen. Zudem sind die Bedarfe komplexer. Viele Kinder haben einen hohen emotionalen Unterstützungsbedarf, zeigen starke Verhaltensauffälligkeiten oder haben Sprach- und Kommunikationsbarrieren. Schließlich wird Teilhabe heute als Grundrecht gesehen und die gesellschaftlichen Erwartungen an Schulen und Eltern steigen. Die Corona-Zeit hat ebenfalls Spuren hinterlassen, beispielsweise in Form von Schulangst.
Wie sieht die Arbeit einer Schulbegleiterin bzw. eines Schulbegleiters konkret aus?
Antje Reder Die Arbeit einer Schulbegleitung richtet sich nach den individuellen Zielen im Hilfeplan. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche im Schulalltag, zum Beispiel beim Einstieg in den Tag, bei der Strukturierung von Aufgaben, beim Fokussieren im Unterricht und im Umgang mit Mitschüler:innen. Auch das soziale Miteinander wird begleitet, etwa bei Gruppenarbeiten, bei Konflikten oder beim Verstehen von Regeln. Darüber hinaus gibt die Schulbegleitung emotionale Sicherheit, hilft bei Überlastung und bietet Orientierung im Schulgebäude oder im Tagesablauf. Teilweise begleitet sie die Kinder auch in den Pausen, bei Ausflügen oder auf Klassenfahrten. Ein enger Austausch mit Lehrkräften, Eltern und dem Schulteam ist dabei ein zentraler Bestandteil der Arbeit.
Der Dienst Schulbegleitung umfasst mittlerweile mehr als 100 Mitarbeitende beim Caritasverband Kleve. Wer passt ins Team Schulbegleitung?
Antje Reder Menschen, die fachlich geeignet sind und Persönlichkeit mitbringen. Geduld, Empathie, Belastbarkeit, Humor, Flexibilität und die Fähigkeit zur Grenzsetzung sind wichtige Eigenschaften. Zu den Fachkräften zählen beispielsweise Sozialpädagog:innen, Erzieher:innen oder Heilpädagog:innen. Auch Quereinsteiger:innen mit Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit oder Pflege sind willkommen. Unser Koordinationsteam begleitet sie, organisiert Teamsitzungen sowie Fortbildungen und steht als Ansprechpartner:innen zur Verfügung.
Zum Schluss eine Geschichte, die Mut macht.
Antje Reder Wir erleben immer wieder, wie sinnvoll unsere Arbeit ist. Ein Schüler mit ADHS konnte nach einigen Monaten Aufgaben selbstständig bewältigen und gewann Selbstvertrauen. Eine Schülerin mit sozialen Schwierigkeiten lernte Konflikte zu lösen und konnte wieder erfolgreich am Unterricht teilnehmen. Auch eine Schülerin mit starker Schulangst wurde Schritt für Schritt wieder in den Schulalltag eingeführt. Solche Erfolge, die durch die positiven Rückmeldungen von Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern unterstützt werden, zeigen, dass Schulbegleitung jungen Menschen echte Teilhabe und einen gelungenen Start in die Gesellschaft ermöglicht.
Das Interview führte Julia Lörcks, Stabsstelle Kommunikation & Medien, beim Caritasverband Kleve e.V.