Für Trauer gibt es keinen VHS-Kursus. Kein richtig oder falsch. Auch nicht: Jetzt muss es doch mal gut sein. Also bitte, nach einem Jahr.
Das sind die Worte von Bernd.
Jeden dritten Donnerstag im Monat findet der Trauerstammtisch in der Wesendonkstube in Haldern statt. Geleitet wird das offene Angebot von Monika Seelen (l.) und Barbara Bohnen (2.v.l.). An diesem Abend sind unter anderem Thomas, Bernd und Barbara da. Julia Lörcks
Bernd ist 56. Ein Mann wie ein Baum - kräftig, standhaft und ruhig. Seit zweieinhalb Jahren trauert er um seine Frau. 29 Jahre waren sie zusammen, vier gemeinsame Kinder haben sie zur Welt gebracht, 22 Monate kämpften sie gegen den Krebs. "Sie fehlt", sagt Bernd. Der Austausch. Das Miteinander. Er spricht von einer Ruhe, einer Leere, einer Ungerechtigkeit. Alle kämen zu zweit auf eine Feier, er allein. "Es kommt auch keiner mehr. Ich wollte das nicht." Zustimmendes Nicken.
Schokolade und Süßigkeiten fürs Herz: Beim Trauerstammtisch geht es um die Themen, die bewegen.Julia Lörcks/Caritasverband Kleve e.V.
Bernd sitzt an diesem sonnigen Abend beim Trauerstammtisch in Haldern. Vor ihm steht eine Flasche Radler, die er mit der rechten Hand fest umklammert. An der linken trägt er seinen Ehering. Oft ist sein Blick gesenkt. Ab und an greift er in die Süßigkeitenschale. Am Ende des Abends wird diese fast leer sein. Schokolade fürs Herz.
Seit fast zweieinhalb Jahren bieten der Caritasverband Kleve und die katholische Kirchengemeinde St. Irmgardis Rees Trauerangebote im Stadtgebiet von Rees an. Angefangen hat alles mit einem Trauercafé am Nachmittag. "Doch nach nur wenigen Monaten war klar, dass wir unser Angebot um einen Treffpunkt für berufstätige Männer und Frauen am frühen Abend erweitern müssen", sagt Monika Seelen. Zusammen mit Barbara Bohnen leitet sie das Angebot. Oder vielmehr: Sie hören zu, sie geben der Trauer einen Raum. Ohne Einschränkung. Manchmal lesen sie vor, immer zünden sie eine Kerze an. Und dann gibt es noch den schweren Gefühlsstein und das hölzerne Herz auf dem Tisch. Barbara Bohnen erklärt die verschiedenen Phasen: "Das Herz als Symbol der Liebe. Es zerbricht. Umgedreht sind es zwei Tränen. Das Leben ist ver-rückt. Was bleibt ist eine Narbe."
An diesem Abend sind fünf Trauernde da:
Barbara, ganz neu in der Runde, die im Januar 2025 ihren Mann verloren hat.
Thomas, dessen Frau schon mit 18 die erste Krebserkrankung hatte. Danach folgte die Galle, dann die Schilddrüse, zuletzt der Gebärmutterhalskrebs. Von der letzten Diagnose bis zum Tod blieben ihr vier Wochen. Vier Wochen, in denen sie ihrem Mann zeigte, wie man wäscht und kocht. Und wie er ihre Orchideen gießen soll. "Ich weiß nicht warum, aber sie blühen noch", sagt Thomas. Er freut sich wie ein kleines Kind. Die Orchideen sind ihm lieb und teuer geworden.
Andrea, die gar nicht viel zu ihrer Person und ihrem Umfeld sagt, wohl aber was sie umtreibt, was sie denkt und fühlt.
Oder Sandra, die um ihren Bruder trauert. Lange habe sie gezögert, sich gefragt, wie werde ich hier wohl aufgenommen.
"Ganz normal", sagt Bernd. "Wir stellen uns vor. Jeder erzählt, was er möchte." Anders als die Umgebung, Familie und Freunde, die sich mit der Situation oftmals schwertun, sind die Teilnehmenden des Trauerstammtischs Gleichgesinnte. "Alles kann, nichts muss", so sagt es auch Andrea.
Eine Kerze für die Menschen, die nicht mehr da sind.Julia Lörcks/Caritasverband Kleve e.V.
Es sind die Themen, die bewegen. Das Alleinsein. Der Schmerz. Das Aushalten. Das Leben, das weiterläuft. Dinge des Alltags. Tipps. Ratschläge. Hobbies. Thomas puzzelt seit kurzem. Andrea war kürzlich am Weseler Bahnhof. Auch finanzielle Angelegenheiten werden besprochen. Die Witwenrente zum Beispiel. Behördengänge. Bürokratie. "Sieben Sterbeurkunden reichen nicht aus, um das Verwaltungsleben zu beenden", sagt Bernd. Er kommt, um sich darüber auszutauschen, die Dinge einzuordnen. Sie kümmern sich um sich selbst. Sandra sagt: Der Trauerstammtisch tut mir einfach gut. Aber: Hört Trauer jemals auf?
Es gibt an diesem Abend viele Momente der Stille. Immer dann, wenn einer was sieht, hört oder fühlt. Wenn die Trauer das Herz umschleicht und die Stimme belegt. Immer dann, wenn die alte Wanduhr in der Wesendonkstube zu hören ist. Ein gedämpftes, leicht hölzernes "tick … tack … tick… tack…". Wie ein Herzschlag - gleichmäßig und beruhigend.
Die Herzen von Bernd, Thomas, Barbara, Sandra und Andrea, sie alle haben eine Narbe.
Info - Trauerstammtisch jeden dritten Donnerstag im Monat
Der offene Trauerstammtisch in Haldern findet jeden dritten Donnerstag im Monat von 18 bis 20 Uhr in der Wesendonkstube in Haldern statt. Der nächste Termin ist am 21. Mai. Das Angebot ist kostenlos und ohne Anmeldung.
Geleitet wird das Angebot von Monika Seelen, Palliativfachkraft der Mobilen Pflege in Rees, sowie von Barbara Bohnen, Pastoralreferentin der katholischen Kirchengemeinde St. Irmgardis Rees.